Offener Brief an alle Printmedien

Betrifft: Rechte Tendenzen in der Gothic-Szene und Hexenjagd auf WEISSGLUT und ZILLO

Der Drugstore in Berlin macht einmal im Monat eine Veranstaltung, die sich "DARKSTORE" nennt. Eintritt ist frei und das Bier ist für 3DM (inki. 50Pf. Pfand) zu erwerben. Sehr gute Idee und ein positiver Beitrag zur Förderung der Düsterszene. Die Musik ist Geschmackssache, bewegt sich irgendwo zwischen Lacrimosa, Tumor und Dimmu Borgir... jedoch fielen mir an der Bar einige Flyer im DIN A4 Format auf, die ein Statement gegen Nazis in der "Schwarzen Szene" beinhalten und zu einem Boykott jener aufrufen. Eine Sache, die wir jederzeit unterstützen würden, nur versuchen diese "politisch korrekten" Leute von der Darkstore- Gruppe eine Hexenjagd auf Zeitungen und Bands zu machen, von denen in der Vergangenheit provokante, aber keine eindeutig rechtsradikalen Äüßerungen kamen. So ruft besagtes Blatt auf, das ZILLO zu boykottieren, weil sie einen Mitarbeiter der "Jungen Freiheit" beschäftigen und "rechtsradikale Bands wie FORTHCOMING FIRE und WEISSGLUT unterstützt"... Ja, es stimmt, daß einmal ein Mitarbeiter der "Jungen Freiheit" für das Zillo schrieb, aber diese Geschichte ist schon etliche Tage alt und hätten die Leute sich mal mit den Statements des ZILLO's zu diesem Thema beschäftigt, so würden sie auch wissen, wie es dazu kam. Nicht jedem Menschen sieht man schließlich an, was er in seiner Freizeit macht und es ist rechtlich gar nicht möglich jeden einzelnen seiner Mitarbeiter, darauf zu prüfen, was er in seinem Privatleben so anstellt. Wir empfinden es als eine Frechheit, oder vielmehr als absolut lächerlich, Bands zu verurteilen, die sich langsam schon einen Spaß daraus machen, durch provokante Statements die ANTIFA aufzuheizen, weil jene komplett austicken, sobald von Mitgliedern der angeprangerten Gruppen nur das Wort "deutsch" in den Mund genommen oder ein weiterer Text über den Sonnenkult (den es schon über tausende von Jahren gibt, und der schon von den alten Ägyptern praktiziert wurde, bevor überhaupt jemand eine Ahnung von der Entstehung eines Dritten Reiches mit einer komplett psychopathischen Dumpfbacke namens Hitler wußte, der die Symbolik für seine faschistoiden Zwecke mißbrauchte ... !) geschrieben wird. Zumal sich die ANTIFA ja das Wort (Links-)Radikalität auf die Fahnen geschrieben hat und somit wohl kaum sehr viel toleranter als die von ihr gehetzte Zielgruppe ist.

Daraufhin konnte ich (Gothic Spice) nicht anders, als den DJ mal "ganz unschuldig" zu fragen, ob er denn die, WEISSGLUT-CD hätte und ein Lied davon spielen würde. Nachdem er mich fast mit Blicken erdolcht hätte, fragte er nach, ob ich denn wirklich 'Weissglut" gesagt hätte, und auf meine Bestätigung hin meinte er dann, wie ich es auch erwartet hatte, er spiele weder WEISSGLUT noch FORTHCOMING FIRE, weil diese "Faschos" seien. Ah, ja...(ein Wunder, daß er TYPE 0 NEGATIVE und RAMMSTEIN spielt, die die ANTIFA ja bekannterweise auch auf dem Kieker hat...) denn muß ich jetzt wohl aufpassen, daß ich nicht auch bald auf der "schwarzen Liste" der ANTIFA stehe, oder. Wenn mensch allerdings meine Artikel aufmerksam liest, müßte es ja eigentlich klar sein, daß ich eine der ersten wäre, die wirklich faschistoide Bands sofort boykottieren würde, und Verdacht auf solche Tendenzen werden von mir auch immer hinterfragt, um eventuelle Vorurteile etc. zu vermeiden. Wenn jene Hetzkampagnen so weitergehen müssen auch wir bald mit Boykott, und im Extremfall sogar Morddrohungen und Paketbomben rechnen, da jeder von uns bestimmt einen Riesenstapel ZILLOs zu Hause liegen hat und eventuell sogar Material von eben jenen Bands im Plattenschrank haben und auch auflegen (zwei Drittel der Redaktion sind DJs), sowie auch Bands deren Name im Zusammenhang mif F.F. oder WEISSGLUT genannt wird, oder mit ihnen auftreten? Wenn ich ich (M'Urmel) mich recht entsinne, gab es eine ähnliche Diskussion um die Band LAIBACH. Die Behauptung war ähnlich, nämlich wurde herumerzählt, daß die Slowenen (!!) Faschisten seien und dies wurde wieder einmal von Leuten behauptet, die nicht in der Lage waren, sich einmal mit den Inhalten der Musik und den Texten der Band auseinanderzusetzen. So wird es auch diesmal wieder gewesen sein, "...ich habe gehört Forthcoming Fire verwenden den Sonnenkult". Ja liebe Leute das taten dieWikinger aber auch schon, sind die Wikinger auch Faschisten?? Leute, wie stellt Ihr euch das vor? Ein "Viertes Reich" im Namen der ANTIFA? "Political Correctness" liegt sowieso im Auge des Betrachters und ist ein relatives Wort, das man auch für radikale Zwecke mißbrauchen kann... Wird demnächst jeder vergast, der ein falsches Wort sagt, welches von jenen ANTIFA- Saubermännern als rechtsradikal ausgelegt wird ?

Ich hoffe, ich konnte hiermit einen kleinen Denkanstoß geben, und: KÜMMERT EUCH UM DIE ECHTEN FASCHOS!!!

In diesem Sinne eure Gothic Spice (aka U. Breker) & DJ M'Urmel (aka F. Florian/ Redakteure des DARK SIGN Fanzines)

Mit freundlicher Unterstützung vom BLACK CENTRIC MANAGEMENT

 

Der offene Brief wurde im Dark Sign (7-8/98, S. 25) und im Maul (Nr. 9, S. 34) veröffentlicht.

 

 

Über echte, unechte, wahre, wirkliche und unwirkliche Faschos

Offener Brief an Gothic Spice, DJ M'Urmel und das Black Centric Management

- Antwort auf den "Offenen Brief an die Printmedien"

Wir haben zwar mit dem von euch kritisierten Flugblatt aus dem Drugstore direkt nichts zu tun, da wir uns aber mit dem gleichen Thema befassen, fühlen wir uns trotzdem angesprochen. Bereits auf dem 7. Wave-Gotik-Treffen Pfingsten 1998 in Leipzig gaben wir einem Mitarbeiter des Dark Sign ein Exemplar unserer Broschüre "Die Geister, die ich rief ... ", die, eurem offenen Brief nach zu urteilen, umfangreichere Informationen enthält als das besagte Flugblatt. Es hat uns daher verwundert, daß ihr diese bei eurer Kritik nicht berücksichtigt habt.

Es ist richtig, daß einige Antifas mitunter eine wünschenswert differenzierte Kritik vermissen lassen. Nichtsdestotrotz gibt es leider genug Gründe auch vor der eigenen Tür zu kehren, anstatt - wie ihr es tut - alle Vorwürfe weit von sich zu weisen und so zu tun, als ob es keinerlei Anzeichen für rechte Aktivitäten innerhalb unserer Szene gäbe. Auch die Panik, die ihr verbreitet ("Morddrohungen und Paketbomben", "Wird jetzt jeder vergast, der ein falsches Wort sagt") finden wir reichlich unangebracht, unsachlich und was das "vergasen" angeht auch weit schlimmer als geschmacklos.

Die schwarze Szene definiert sich gerne als tolerant und auch euer offener Brief dreht sich um dieses Thema. Das finden wir grundsätzlich gut so. Leider haben wir jedoch den Eindruck, daß Toleranz häufig mit Kritiklosigkeit und Beliebigkeit verwechselt wird. Zur Definition von Toleranz zitieren wir aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948:

Artikel 1
Alle Menschen sind frei und gleich an Rechten und Würde geboren.

Artikel 2
Jedermann hat Anspruch auf die in dieser Erklärung proklamierten Rechte und Freiheiten ohne irgendeine Unterscheidung wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, nach Vermögen, Geburt oder sonstigem Status.

Artikel 30
Nichts in dieser Erklärung darf dahin ausgelegt werden, daß es für einen Staat, eine Gruppe oder eine Person das Recht begründet, eine Tätigkeit auszuüben oder eine Handlung zu begehen, die auf die Abschaffung der in dieser Erklärung ausgesprochenen Rechte und Freiheiten hinzielt

Der prinzipielle Unterschied zwischen linken und rechten Weltanschauungen besteht darin, daß Erstere von dem Gleichheitsgrundsatz ausgehen, während letztere Ungleichheit propagieren. Toleranz ist ein Wert, der nur auf der Basis von Gleichheit und Gegenseitigkeit möglich ist. Wer, wie die Anhänger rechter Ideologien, Toleranz und die Gleichheit der Menschen nicht für erstrebenswert hält, kann auch keine Toleranz seinen Vorstellungen gegenüber erwarten. Sich über "Intoleranz gegenüber der rechten Szene" (Zitat eines Besuchers des Death in June-Konzerts am 26. 1 1. 98 in Rostock) zu beschweren ist ein Widerspruch in sich. Wenn wir eine tolerante Szene wollen, gehören diejenigen, die sich intolerant gegenüber anderen Menschen-gruppen äußern und verhalten nicht hierher. Sie schließen sich selbst aus. Für uns gibt es infolgedessen Aussagen und Handlungen, die wir nicht zu tolerieren bereit sind. Es stellt sich die Frage, wo die Grenze des nicht mehr tolerierbaren liegt. In dieser Frage bleibt ihr bemerkenswert schwammig. Wer sind die "echten Faschos", um die man "sich kümmern " soll? Wer sind die "wirklich faschistoiden Bands, die ihr sofort boykottieren würdet"? Um es gleich vorwegzunehmen: Einfache "Gut und Böse-Erklärungen" gibt es nicht, auch wenn sich manche dies wünschen. Aber es gibt Anzeichen und Eckpunkte: Wer sich für rechtsradikale Parteien und Organisationen engagiert und deren Standpunkte unterstützt, disqualifiziert sich eindeutig selbst. Genau das tut beispielsweise der von euch verteidigte Josef Klumb (alias Jay Kay) seit Jahren. Der 'Verlag und Agentur Werner Symanek (VAWS)" ist eine rechtsradikale Organisation und Jay Kay ist seit Jahren eng mit diesem verbunden, wie jeder bestätigen kann, der z. B. auf dem Zillo-Festival 98 war. Auch zur "Jungen Freiheit" bestanden zeitweilig gute Kontakte (Februar / März 96). Das gleiche gilt für das von Marco E. Thiel herausgegebene "Europakreuz" und seine Band "Egoaedes". Die Reihe der Beispiele belegbarer Verbindungen von Dark-Wave und lndustrial-Bands mit rechten Organisationen ließe sich erweitern. Wir halten es dabei für wesentlich sehr genau hinzusehen, bevor wir Dinge veröffentlichen. Fakten müssen genau recherchiert sein. Wir wollen keine Gerüchte verbreiten.

Das Zillo halten wir beispielsweise nicht für eine rechte Zeitung. Allerdings legt das Zillo häufig eine bemerkenswerte Unbedarftheit im Umgang mit rechten Tendenzen an den Tag - auch nachdem die Episode mit dem Redakteur der Jungen Freiheit längst erledigt ist (siehe z. B. Zillo 6/98, S. 4, Verlosung des vom VAWS herausgegebenen Kalenders Profile Bizarre 1999; Zillo-Festival 8/98, Verkaufsstand des VAWS; Zillo 9/98, S. 99, Anzeige des VAWS für den Thorak-Sampler; Zillo 12/98,S.21, Artikel über Blood Axis).

Ebensowenig halten wir jeden, der sich mit Runen, Magie, etc. befaßt, prinzipiell für rechts eingestellt. Wenn es das Dritte Reich nicht gegeben hätte wären Runen und nordische Mythologie heute wahrscheinlich nichts anderes als Zeugnisse einer vergangenen Kultur und Gegenstand wissenschaftlichen Interesses, wie beispielsweise ägyptische Hieroglyphen, sumerische Keil- oder irische Ogham-Schrift. Zumindest hätten sie nicht die politische Brisanz, die sie heute bei uns haben. Aber es gab das Dritte Reich und alle Verbrechen, die im Namen des Germanenkultes begangen wurden. Symbole sind nicht wertfrei und bedeutungslos - deswegen sind sie Symbole! Die Bedeutung von Symbolen ist auch nicht statisch gleichbleibend, sondern sie ist geschichtlichen Veränderungen unterworfen und muß im Bezug zur Geschichte betrachtet werden. Jeder, der sich heute mit Runen und nordischer Mythologie auseinandersetzt, muß sich auch über die Bedeutung der Symbole im Dritten Reich im Klaren sein und sich dementsprechend dazu verhalten. Die Geschichte zwingt uns dazu, ob ihr wollt oder nicht! Auf die Wikinger zu verweisen, und so zu tun, als habe es das Naziregime und die lnstrumentalisierung der nordischen Symbolik nie gegeben, gibt keinen Sinn. Es ist notwendig genau zu differenzieren - also tut es!

Der VAWS vertreibt beispielsweise eine Anstecknadel mit dem "uralten, heiligen und oft irrtümlich als nationalsozialistisches Symbol gedeuteten Zeichen der schwarzen Sonne', die im "Gruppenführersaal " der Wewelsburg, dem "weltanschaulichen Zentrum der SS " als "Bodenornamentik " eingelassen ist. Der Werbetext lautet: "Tragen sie die Schwarze Sonne als geschmackvolles Schmuckstück mit einmaligem Charakter und als Erkennungszeichen geistesverwandter Zeitgenossen'. In derselben Werbedrucksache wird ein Video mit dem Titel "Heinrich Himmlers Burg - Zur Geschichte der Schwarzen Sonne auf der Wewelsburg bei Paderborn " angeboten (alle Zitate aus einer Werbedrucksache des VAWS von 8/98). Die Werbedrucksache wurde uns von Jay Kay persönlich überreicht.

Um die Parallelen eurer Argumentation mit der von Rechten zu verdeutlichen, sei abschließend beispielhaft auf einen Artikel von Marco E. Thiel im Europakreuz 17 (S. 9-10) hingewiesen, in dem er sich über intolerante Antifas beschwert, die eine Diskussion mit "stupider Gewalt beendet hätten ", während er auf der gleichen Seite einen Text von Strength through Joy ("Garden of Blood / Garden of Predation", CD "Salute to Light " 1995) hochlobt in dem das Recht des Stärkeren propagiert wird:

As the animals play
In their garden of blood,
We know this is the order of things,
Fight! and be done
Why plan a peace and compromise?
Another war will come again
and we will breathe into the fire
and keep it burning high.

 

Wer findet den Widerspruch?

Auf Anfrage senden wir euch gerne nähere Informationen.

Bremen, 1. 1. 99

 

 

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